Zum Inhalt springen

Schüleraustausch Erfahrungsbericht Evi in Washington

Mein Jahr in Amerika – oder wie ich eine zweite Familie fand.  

Es ist jetzt schon eine ganze Weile her, als ich mich damals auf den Weg nach Kelso im Bundesstaat Washington machte. Die Reise selbst ist mir nur noch schemenhaft in Erinnerung, alles war so neu und viel und ich war damals noch nie geflogen, also recht überfordert mit den Eindrücken. Ich weiß noch, wie mir erst im Flugzeug von Chicago nach Portland so richtig bewusst wurde, was ich da machte: ein Schuljahr am anderen Ende der Welt. Mir kamen dann die Tränen. Am Ende der Reise erwarteten sie mich dann: Larry und Veryl, meine Gasteltern. Ich war wahnsinnig gespannt auf den Augenblick, und sie endlich zu treffen. Im Vorfeld hatten wir ein paar kurze Telefonate und sonst Email-Verkehr gehabt. Nun standen sie mit Blumen, Teddybär und Ballon vor mir und umarmten mich herzlichst.

Die Fahrt in mein amerikanisches Heim war nicht lang, ich erinnere mich wie sie fragten, wie mein Name ausgesprochen wird und tausend andere Fragen. Wieder war ich überfordert. Das Gefühl, erstmal gar nichts zu verstehen sollte mich noch öfter begleiten.

Die ersten Tage in Washington waren gefüllt mit Bekanntmachen mit diversen Familienangehörigen, Kollegen, Freunden meiner Gasteltern. Die Schule hatte noch nicht begonnen, allerdings schrieb ich mich nichtsahnend in das Cross Country Team ein. Ich war ja eine gute Läuferin in Deutschland. Naja – im Vergleich zu meinen Team-Kollegen war ich unterirdisch. Ich hatte noch nie im Leben so viel Sport gemacht, trainiert, gelaufen. Egal, das Wichtigste war, gleich Anschluss zu haben und Freunde zu finden. Und Laufen – naja, ich verbesserte mich und mein Team feuerte mich an, auch wenn ich wieder einmal die Letzte im Ziel war. Bis heut pflege ich die Freundschaften aus der Zeit.

Die Schule war toll! Alles so neu! Allerdings wurde das Gebäude umgebaut, so dass ich mich mehr als einmal verlief. Meine Klassen waren sehr anspruchsvoll: Psychologie, Geschichte, Mathematik Analysis, Physiologie, Englisch und einen Anfängerkurs Spanisch (das wollte ich unbedingt!). Man möchte meinen, mit knapp 7 Jahren Schulenglisch ist das alles kein Problem, allerdings holte mich die Realität recht schnell ein und siehe da, die ewige Einser-Schülerin musste sich sehr anstrengen damit die Noten akzeptable waren. Das gelang mir erst so richtig nach knapp 2 bis 3 Monaten, bis ich endlich so richtig dahinter kam, wie alles so funktionierte, den Slang verstand und mich eingelebt hatte. Zu der Zeit war dann auch Cross Country vorbei und die täglichen 3 Stunden Training damit auch, somit war ich dann auch nicht mehr so übermüdet. Das Ganze hatte allerdings zugute, dass ich kein Heimweh bekam, ich war viel zu beschäftigt um viel an zu Hause zu denken. Am Ende des Schuljahres zahlte sich der Fleiß und die Mühen aus: Meine Geschichtslehrerin las meinen Abschlussaufsatz vor der gesamten Klasse vor mit der Bemerkung, dieser Aufsatz hätte die beste Benotung bekommen, die sie jemals vergeben hatte. War ich stolz!

Allgemein empfand ich das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern sehr angenehm, auf einer anderen Ebene als zuhause in Deutschland. Wir hatten echt auch klasse Lehrer an der Schule, die den Lehrstoff sehr gut vermittelten, sodass das Lernen viel Spaß machte. Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte noch ein oder zwei Wahlkurse gemacht, die ich sonst in Deutschland nicht machen konnte (Wood Shop oder Theater zum Beispiel).

Ich hatte wahnsinniges Glück mit meiner Gastfamilie. Ich war damals Einzelkind und genoss die Zeit ohne meine Geschwister. Larry und Veryl hatten vor mir schon 9 andere Schülers im Haus gehabt, sie wussten also wie der Hase läuft. Wir aßen jeden Abend gemeinsam und kochten am Wochenende. Ihre Leidenschaft ist das Reisen und außerdem Dekorieren des Hauses zu den jeweiligen Festtagen. Da gab es immer viel zu tun. Ich half außerdem in der Gemeinde, in der Bibliothek und einem Deutsch-Kurs aus.  Mit Larry guckte ich Football und Baseball im Fernsehen, wir gingen zu den Football Spielen meiner High School und er fuhr mich jeden Morgen zur Schule (obwohl ich es sicher auch zu Fuß geschafft hätte). Veryl half ich abends bei ihrem 2. Job, wir gingen oft shoppen und hatten endlose Gespräche bis tief in die Nacht.

Ich halte mein Jahr in Kelso immer noch für das aufregendste und prägendste in meinem Leben. Ich lernte in der Zeit so viel über mich selbst, andere Menschen, Kulturen im Detail. Ich lernte, Vorurteile hinter mir zu lassen und erlebte, wie ich mich auf neue Situationen einstellte. Ich knüpfte Freundschaften, die bis heute anhalten. Und ich fand eine Familie am anderen Ende der Welt, mit internationalen Geschwister rund um den Globus. Es war ein schwerer Abschied für mich damals, die Tränen rannten über‘s Gesicht und beinahe hätte ich meinen Flug verpasst. Ich wusste nicht wann ich meine Gastfamilie wieder sehen würde. Schlussendlich dauerte es 6 Jahre. Ich möchte das Jahr nicht missen, und es entfachte meinen Durst, unsere schöne Welt weiter zu entdecken.

Kurz- bewerbung Kontakt Broschüre Erfahrungs- berichte