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Schüleraustausch Erfahrungsbericht Mariella in Quebec

Mit 15 Jahren habe ich zufällig in einer Zeitschrift gelesen, dass es möglich ist ein Schuljahr in einem anderen Land zu machen und in einer Gastfamilie zu leben. Ursprünglich hatte ich vor, nach dem Abitur ein Jahr als Au Pair Mädchen ins Ausland zu gehen. Die Möglichkeit schon während der Schulzeit im Ausland zu leben fand ich aber reizvoller. Also habe ich mich über die verschiedenen Programme und Organisation informiert und für ASSE entschieden. 

Da ich Französisch als erste Fremdsprache in der Schule gewählt hatte und über Schüleraustausche in Frankreich und Belgien war, wollte ich unbedingt in ein französischsprachiges Land gehen. Frankreich war mir aber eigentlich zu nah an zu Hause dran. In einer der vielen Informationsbroschüren habe ich dann entdeckt, dass es in Kanada auch einen französischsprachigen Teil gibt. Über Kanada wusste ich ansonsten nicht viel. Die Kombination aus weit weg von zu Hause sein, Französisch lernen und zur Schule zu gehen fand ich super und habe mich daher auf das Austauschprogramm beworben. Meine Eltern habe ich mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen gestellt und Ihnen nur erklärt, wie das Programm abläuft und dass ich mich sehr freuen würde, wenn sie das bezahlen. Das haben Sie glücklicherweise gemacht. Jetzt im Nachhinein kann ich noch mehr wertschätzen und bin Ihnen sehr dankbar, dass sie mich als ihr einziges Kind mit nur 16 Jahren einfach in ein weit entferntes Land zu völlig unbekannten Menschen haben gehen lassen. Zumal ich unglaublich schüchtern war.  

Damit ASSE eine Familie für mich finden konnte, musste ich mich in einem Brief vorstellen und eine Fotocollage zusammenstellen. Lustiger weise sucht meine Gastmutter Ihre Gastschüler hauptsächlich nach den Fotos aus, was ich zu dem Zeitpunkt aber nicht wusste. Sie geht dabei nicht nach „Schönheit“ der Gastschüler sondern schaut, ob sie ein sympathisches Lächeln haben. Damit hat sie mittlerweile erfolgreich 14 Gastschüler gefunden. In meinem Brief habe versucht, meiner Gastfamilie eine möglichst genaue Vorstellung von mir zu geben. Da ich wirklich für alle Familienkonstellationen offen war, ob mit Geschwistern oder ohne, habe ich das auch betont. Mein Bruder ist 11 Jahre jünger, weshalb ich kein Problem damit hatte alleine zu sein oder Gastgeschwister zu haben. Am Ende hat sich meine Familie auch deshalb für mich entschieden, weil sie sich Sorgen gemacht hatten, ob ich mich ohne Gastgeschwister einsam fühlen könnte. Dass ich eigentlich Angst vor Hunden hatte, habe ich nicht erwähnt. Ich wollte mir keine tolle Familie entgehen lassen, nur weil dort ein Chihuahua lebt. Als sie in ihrem ersten Brief ein Foto von zwei Hunden geschickt haben, war ich dann doch erstmal geschockt. Mittlerweile liebe ich aber Hunde über alles! 

Meine Gasteltern haben Gastschüler aufgenommen, nachdem ihre Tochter mit der High School fertig war und ausgezogen ist. Dadurch war in dem kleinen Haus auf dem Land ein Zimmer frei. Sie sind selbst nie gereist und dennoch sehr offen und neugierig. Als ich kam, war ihr Sohn auch gerade ausgezogen und ich war alleine mit ihnen und den beiden Hunden. 

Wie schon erwähnt war ich damals sehr schüchtern und habe nie viel gesprochen, wenn ich bei fremden Menschen war. Meinen Gasteltern habe ich genau das am Anfang gleich erklärt, nach dem Motto „Achtung, ich rede am Anfang nie viel, das ist normal. Irgendwann werde ich euch so sehr vollquatschen, dass ihr euch wieder in die Anfangszeit zurückwünscht!“ Das konnten sie natürlich nicht glauben und waren umso belustigter, dass es tatsächlich stimmte. Heute lachen sie immer noch darüber. Wir haben uns das ganze Jahr über sehr gut verstanden, obwohl ich tendenziell ein distanzierter Mensch bin und nicht jedem gleich in die Arme falle. Deshalb konnten Sie sich umso weniger vorstellen, dass ich mal die einzige ihrer Gastschüler sein würde, die alle 2-3 Jahre wiederkommt, ein Auslandssemester dort macht und jedes Jahr ein großes Weihnachtspaket schickt. Für mich ist das einfach eine zweite Familie geworden. Nächstes Jahr werde ich sie wieder besuchen, weil meine Gastschwester ihr erstes Kind und mein Gastbruder sein drittes Kind bekommt. Die neuen Familienmitglieder möchte ich natürlich kennen lernen.  

In der Schule damals kam ich sehr gut zurecht, weil ich aber auch schon in Deutschland sehr viel Französisch gelernt hatte. Ich habe sehr liebe Freunde gefunden. Meine beste Freundin und auch die einzige, mit der ich seit 11 Jahren noch Kontakt habe, hatte ich erst im Mai kennengelernt. Ich denke, dass man sich heute über Facebook viel schneller mit seinen neuen Mitschülern verbinden und austauschen kann. Im Auslandssemester habe ich den Unterschied schon gemerkt. Super ist es, sich am Schulsport zu beteiligen. Anders als in Deutschland macht man Sport nicht im Verein sondern in der Schule nachmittags. Was natürlich super ist, um sich zu integrieren. Das aufregendste Ereignis war der große Abschlussball am Ende des Schuljahres. Das ganze Jahr über haben sich alle darauf vorbereitet, ab Februar nur noch über Kleider und Frisuren gesprochen. Für mich war es ein tolles Erlebnis, dabei zu sein und mit einem völlig übertriebenen Kleid mit meinen Freunden zu feiern.  

Insgesamt war es für mich eine tolle Erfahrung, dieses Schuljahr zu machen. Die Menschen, das Land und die Kultur, die ich kennengelernt habe, haben mein Leben für immer bereichert. Ich selbst habe mich unglaublich weiterentwickelt, bin offener, toleranter und selbstbewusster geworden. Außerdem habe ich eine zweite Familie gefunden. Meine Gastfamilie sagt immer, sie hätten Glück gehabt, dass alle ihre Gastschüler so nett wären und es nie Probleme gab. Ich glaube das liegt vor allem an den Gasteltern selbst, weil sie jeden so annehmen wie er ist und niemanden verurteilen. Wenn etwas ungewöhnlich oder komisch ist, lachen sie darüber statt sich aufzuregen. Für diese Eigenschaft bewundere ich sie.

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