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Schüleraustausch Erfahrungsbericht Oskar in Arizona

Der Anruf von ASSE kam und ich wusste endlich, in welchen Bundesstaat ich komme. Ich habe ja eigentlich wie so viele andere gehofft, dass ich nach Kalifornien oder in irgendeine Hipster-Stadt wie New York City oder so käme. Eine nette Mitarbeiterin am Telefon mit euphorischer Stimme teilte mir dann allerdings mit: Minnesota - das Land der zehn tausend Seen. Es wäre jetzt gelogen, dass ich die Euphorie der Mitarbeiterin geteilt habe und hab erstmal enttäuscht einen Blick auf die Karte geworfen, nachdem ich keine Ahnung hatte, wohin ich eigentlich verbannt werde.

Und so wird es auch in den folgenden Monaten sein: ich hatte einfach keine Ahnung. Überwältigend viele Informationen am Anfang, Essen, das anders - also schlecht - schmeckt, eine neue Sprache, andere Umgangsformen, andere Landschaft, unbekannte Gesichter und einfach viel Neues. Im Nachhinein blicke ich auf meine erste Reaktion am Telefon mit einem Lächeln zurück und weiß heute, wieso ich so entrüstet reagiert habe und wie anders ich heute reagieren würde. Denn die Wahrheit ist, dass es das Unbekannte und Neue war, das mich abgeschreckt hat - ganz einfach mein Unwissen über das, was es sonst noch in der Welt gibt. Und die Wertschätzung für das ‘Andere’ wird wohl auch das gewesen sein, was man nicht ‘lernen’ sondern nur ‘erfahren’ kann: heute ist ‘anders’ für mich nicht besser oder schlechter - eine ‘neue’ Erfahrung wird erstmal gemacht und nicht im Vorhinein bewertet.

Ein kleines Beispiel zur Veranschaulichung: meine Familie war im wahrsten Sinne des Wortes super sportlich unterwegs. Zack Bumm - erst hier hin, dann da hin, zwischendurch noch eine Sellerie Stange mit Erdnussbutter und weiter geht’s in die Arbeit, ins Fitnessstudio oder zu einem ‘social event’ sonstiger Art. (Die Polarisierung in Amerika ist ja bekannt: zum einen fortschrittlich und sportlich und zum anderen konservativ und weltberühmt als Fastfood-Nation). Einen ruhigen Moment gab es nicht. Ich als (wohlgemerkt damals) moppeliger Typ mit Brille, super Noten in der Schule, akademisch orientiert, der sich hauptsächlich von Kartoffeln und Nudeln ernährte, dessen Motto ‘Sport ist Mord’ lautete und daher noch nie in die Versuchung kam seine zarten Klavier-spielenden Finger einem Ball auszusetzen, war nun vollends aufgeschmissen. Vor allem als es am ersten Abend einen großen Salat mit Pinienkernen und gegrilltem Gemüse gab: das war also das Aus von meinem American Dream, den ich doch am liebsten mit einem fettigen Burger begonnen hätte.

Ich starrte also auf den Salat und erinnerte mich an den letzten Vorbereitungsbogen von ASSE, die wir in regelmäßigen Abständen vor der Abreise als Richtlinie bekamen: “try it, before you judge it”. Also hab ich die Arschbacken zusammengekniffen und ein kleines Blättchen gegessen. Ansonsten blieb ich fürs erste beim Beilagebrot. Und so ging alles seinen Lauf: ein kleiner Schritt nach dem anderen. Behutsam und überlegt hab ich mich also von der einen Überwindung zur nächsten gehangelt und bin in den ersten Wochen jeden Tag schon um 8 Uhr abends todmüde ins Bett gefallen. Ja, es kostet in der Tat wahnsinnig viel Kraft und Energie - die sich allerdings auszahlt.

Ich möchte mich jetzt nicht als gelungenes Beispiel anprangern, wie toll ich dieses Jahr gemeistert habe und welch tolle Ergebnisse ich heutzutage in meinem Leben erziele, aber letztendlich kommt es nur auf einen selber an. Die Erkenntnis sich seines eigenen Glückes Schmied zu sein, passiert nicht durch hauruck-artiges Umkrempeln seiner eigenen Persönlichkeit, was auch nie passieren wird. Meine Mutter wird das wohl bestätigen: im Grunde genommen bin ich immer noch derselbe introvertierte Typ, der sich lieber alleine mit Musik und Büchern beschäftigt, wie zuvor. Aber hinzu kommt auch noch, dass ich ein begeisterter Schwimmer geworden bin, dass ich im High-School-Schwimmen gelernt habe. Ich liebe mittlerweile gesundes Essen und koche gerne. Ich lerne gerne neue und verrückte Leute kennen, usw. usw.

In Anbetracht der Tatsache, dass ich aus einer Provinzstadt komme und davor auf einem katholischen Jungeninternat war, ist das doch irgendwie erwähnenswert. Ich musste allerdings aus meiner Heimat raus, um zu wissen, was es heißt ‘sich selber’ zu sein. In meinem Falle: deutsch, introvertiert, wissensdurstig, durch und durch ein Musiker, der es liebt in seinem stillen Kämmerchen Neue Musik zu komponieren und in alten Kirchen Orgel zu spielen. Um das alles rauszufinden musste ich zunächst zu einem Amerikaner werden. Beziehungsweise das ist irgendwie alles von selber passiert - also: am Anfang der Salat, dann einen Monat später eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio, dann in heftigstem American Slang mit Freunden über das letzte Football-Game diskutieren und Weight-Lifting Classes besuchen. Dazu hab ich allerdings Biologie als Jungstudent an der Uni studiert, ein Buch nach dem anderen verschlungen, Fächer wie ‘Human Anatomy’ und ‘literature and history of film’ besucht und so viel wie möglich Dinge gemacht, die ich in Deutschland nie hätte machen können (wie z.B. überall, auch in der Schule Kaugummi kauen. Ich bin wohl für ein Jahr ein ziemlicher Kaugummi-Junkie geworden). Bei den meisten Dingen kann ich heute sagen: ist total schwachsinnig und blödsinnig - braucht man nicht - kann man in ‘the bin’ kloppen. Dann gibt es Sachen, die ich wieder ganz toll finde, wie z.B. die unglaublich hinreißende Landschaft, endlos gerade Straßen, die ins Nichts verschwinden, Maisfelder, die sich über den Horizont erstrecken, wo man auch auf einer Farm abends beim Lagerfeuer die Sterne beobachten kann.

Als letzen Ratschlag summa summarum: traut euch! Es war ein schwieriges aber lohnenswertes Jahr für mich. Macht euch keine Sorgen über das Finden von Freunden (wegen eures süßen deutschen Akzentes und haufenweise Sprachfehlern werdet ihr sowieso geliebt werden. Denn Fehler machen einen sympathisch.) Ich hab viele neue Orte gesehen (ja sogar auch im mittleren Westen!), riesige Stadien, tolle Großstädte mit Hochhäusern, endlos große Geschäfte und Supermärkte. Egal, wo ihr hinkommt: die Menschen und vor allem die Beziehungen zu eurer Gastfamilie ist am besondersten und wird euch für das ganze Leben bereichern.

Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick in das Jahr geben - wie es mich verändert hat und zugleich auch nicht- wie sich mein Vorurteil gegenüber dem Unbekannten, das ich nach dem damals enttäuschenden Telefonat spürte, zu einer größeren Neugierde fürs Leben entwickelte - wie ich trotz der mitunter schwierigen Zeit mit meinem Gastbruder, mit dem ich ein Zimmer teilen musste, und dem teilweise unerträglichen Heimweh gewachsen bin - wie ich trotz des Kaugummi-kauenden Gewichthebers zu einem deutschen Komponisten und Dirigenten geworden bin.

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