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Schüleraustausch Erfahrungsbericht Miriam in Kansas

Ein ganzes Jahr voller Erfahrungen auf nur zwei Seiten zusammenzufassen ist ziemlich unmöglich. Es gibt so vieles, das dieses Jahr zu einem ganz besonderen Jahr gemacht hat – vielleicht sogar dem besten meines Lebens. Ich habe so unglaublich viel gelernt, nicht nur über das Leben in einer fremden Kultur sondern auch über mich selbst. Und auch, wenn ich es anfangs fast für lächerlich gehalten habe und mir gesagt habe: Warum sollte ich mich ändern, habe ich es doch getan. Vieles hat sich für mich geändert in diesem Jahr. Ich habe gelernt, mit Enttäuschungen umzugehen, aber auch einen Kulturschock zu verarbeiten. Besonders in den ersten Monaten kam so viel Neues auf mich zu, dass ich – obwohl ich es nie richtig realisiert habe – doch eine Art Kulturschock hatte. Ich hatte das Gefühl gehabt, ich müsse alles auf einmal organisiert und erledigt kriegen, und dürfe keinerlei Fehler machen. Meine amerikanische Familie war mir noch nicht so vertraut, dass ich mich ihnen wirklich richtig hätte anvertrauen können, und zu meinen deutschen Eltern sollte ich so wenig Kontakt haben wie möglich. Alles in allem waren die ersten Monate nicht ganz einfach. Trotzdem habe ich jeden Moment genossen und konnte abends kaum den nächsten Tag erwarten, um wieder etwas Neues kennenzulernen und neue Leute zu treffen. Es war eine turbulente Zeit, die mir zum Glück auch kaum Zeit für Heimweh gelassen haben.

Nachdem dann die ersten, noch etwas merkwürdigen, Monate im Hinblick auf meine Gastfamilie vorbei waren, wurde plötzlich alles viel vertrauter. Morgens im Auto neben meiner amerikanischen Schwester auf dem Weg zur Schule schwiegen wir uns zwar immer noch häufig an, das war aber der Müdigkeit geschuldet. Mittags auf dem Heimweg tauschten wir uns über den neusten Klatsch und Tratsch aus, und auch nicht selten redeten wir über Politik und die Wahlen, die gerade dann anstanden. Mit meinem Gastvater verbrachte ich Abend für Abend vor dem Fernseher, auf dem irgendein Film lief, den wir beide liebten, oder den ich noch nicht kannte und den er mir aber unbedingt zeigen wollte. Wir fachsimpelten über Harry Potter und Herr der Ringe und er führte mich in die Welt von Star Wars ein. Wenn meine Gastmutter abends nicht zuhause war, schlichen wir uns zusammen aus dem Haus und zu Price Chopper um dort Donuts und Eis zu besorgen für unseren nächsten Filmeabend. Mit meiner Gastmutter fuhr ich schon bald zum See um dort mit ihr den Tag im Garten zu verbringen, oder wir statteten meinen amerikanischen Nichten und Neffen einen Besuch ab um zu babysitten.

Auch im Rest der großen Familie war ich bald ein fester Bestandteil und Thanksgiving und Weihnachten im großen Kreis fühlte sich ganz selbstverständlich an. Die Schule war zu meinem Alltag geworden und der Gedanke an Deutschland wurde immer undeutlicher und verschwommener. Natürlich hatte ich weiterhin (inzwischen auch regelmäßiger) Kontakt zu meiner deutschen Familie und meinen Freunden, die ich auch vermisste, aber ich entfernte mich langsam von ihnen. Mein neues Leben in Kansas war viel realer und aufregender als das alte in Deutschland. Ich hatte plötzlich sowohl in Deutschland als auch in den USA eine Familie und Freunde die mich alle unterstützten. Als ich im Februar dem Schwimmteam beitrat, stieg meine Anzahl an Freunden in den USA noch einmal sprunghaft an. Drei meiner besten Freundinnen habe ich dort im Wasser gefunden, während wir nebeneinander unsere Bahnen zogen.

Nicht lange danach wurde mir sehr plötzlich bewusst, dass mehr als die Hälfte meines Austauschjahres schon vorbei war und mir wurde angst und bange. Plötzlich wirkte mein Leben in Deutschland wieder erschreckend nah, aber keineswegs einladend. Während Kansas im Frühling aufblühte und ich ständig unterwegs war, die Hausaufgaben auch mal hinten anstellte und dann schnell in den frühen Morgenstunden erledigte, weil ich am Abend vorher lieber noch mit Freunden unterwegs war – sei es beim Essen, beim Bowling, oder einfach nur bei Sonic auf dem Parkplatz, wurde in Deutschland schon meine baldige Rückkehr gefeiert. Ständig bekam ich Nachrichten von Leuten, die es kaum erwarten konnten, dass ich wieder deutschen Boden betreten würde, während ich hin- und hergerissen zwischen Freunde über das Wiedersehen mit meiner deutschen Familie und dem Abschied von meiner liebgewonnenen amerikanischen Familie war. Angesichts dieses nahenden Abschieds schien es mir, als würde ich vieles nun noch viel intensiver erleben. Der Beginn der Sommerferien stand nun auch kurz bevor, in der ganzen Schule hatte sich eine Art Sommerfaulheit eingeschlichen. Zusätzlich standen nun ständig Veranstaltungen für die Seniors, also die Abschlussklasse, auf dem Programm und mit meiner Familie unternahm ich an den Wochenenden häufig etwas. Das Ende rückte nun mit viel zu großen Schritten näher. Bald hieß es Abschied nehmen und der war dann auch ziemlich tränenreich auf allen Seiten. Die Freude auf das deutsche Zuhause und das Wiedersehen mit Freunden und Familie war stark getrübt und die wenigen Stunden in Washington D.C., die wir dann noch hatten, konnte ich auch nicht wirklich genießen. Kurzfristig vergessen war die Trauer, als ich dann doch endlich meine deutsche Familie wieder in die Arme schließen konnte. Nicht lange danach hatte mich dann aber der Jetlag fest im Griff und ich konnte es kaum über mich bringen, morgens aufzustehen. Mein Koffer stand noch lange unausgepackt herum, halb in der Hoffnung, so das Ende dieses wundervollen Jahres herauszögern zu können. Um mich herum ging der ganz normale Alltag weiter, während ich meinem aufregenden Leben in den USA hinterher weinte.

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